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Ein Strand, zwei Frauen und in ihrer Mitte ein toter Seehund. Der Kurzfilm „Escena de Playa“ von Ivo Aichenbaum und Meret Kiderlen zeigt eine fast unverändert bleibende Situation vor dem Hintergrund des Río de la Plata in Uruguay. Während die Wellen unaufhörlich ans Ufer rollen, streiten die beiden Protagonistinnen über den Umgang mit den Toten. Unklar bleibt, um welche Toten es sich handelt: ob um die Meerestiere, die in den Treibnetzen der Fischindustrie sterben, oder um die Menschen, die während der Militärdiktatur verschwanden. Der Kurzfilm entstand im Rahmen eines ASA-Projektpraktikums in Uruguay. Im Januar 2010 wurde er bei den Argentinischen Filmtagen in Leipzig gezeigt.
Der Film basiert auf zwei Begebenheiten, die sich an einem Tag Ende Oktober zugetragen haben: Während meines ASA-Praxisaufenthalts geriet ich auf einer Busfahrt zum Strand mit einer älteren Frau in eine Diskussion. Wir sprachen über das kürzlich gescheiterte Plebiszit zur Aufhebung der Amnestie von Diktaturverbrechen, die während der 70er und 80er Jahre begangen worden waren, und über den Präsidentschaftskandidaten José Mujica, der selbst viele Jahre im Gefängnis gesessen hatte und gefoltert worden war. Die ältere Dame empörte sich sehr über die Wahl Mujicas, ebenso wie über die neue aufflammende Debatte über Uruguays jüngere Vergangenheit. Sie verharmloste die Repression, die Gegner des Regimes während der Diktatur erfahren hatten, und betonte, wie wichtig Ordnung in dieser Zeit gewesen sei. Diese Argumente kannte ich in der Theorie; was ich bis dahin nicht gekannt hatte, war das Gefühl, mit dem sie von der damaligen Zeit erzählte und vor der heutigen Diskussion warnte: ich konnte deutlich ihre Angst vor den „Gespenstern aus der Vergangenheit“ und einer tiefen Spaltung der Gesellschaft spüren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir in Uruguay nur starke Befürworter von Aufarbeitung und Strafverfolgung kennen gelernt – die meisten waren jünger und hatten die Diktatur höchstes als Kind miterlebt. Tatsächlich schienen sogar die damaligen Gegner der Militärs eine Wiederaufnahme der Vergangenheitsdebatte zu vermeiden. Ich hatte den Eindruck, einer seltsamen Art von Generationskonflikt beizuwohnen.
Die zweite Begebenheit war der Strand selbst. Er lag etwas außerhalb von Montevideo und war jetzt außerhalb der Saison fast menschenleer. Auf die Entfernung schien es sich um wunderschöne weiße Sanddünen zu handeln. Das Wasser glänzte blau. Doch je näher wir kamen, desto mehr Müll fand sich im Sand, und ein bestialischer Gestank stieg uns in die Nase. Alle 200 Meter trafen wir auf einen verwesenden Tierkadaver: angespülte Seehunde und Delphine. Eine spätere Recherche im Internet ergab, dass an den Küsten Uruguays scheinbar die – international verbotenen – Treibnetze verwendet werden, die die Meeresböden kahl rasieren. Ob es sich bei den Seehunden um Opfer davon handelte oder um Tiere, die auf natürlichem Wege verendet waren, kann ich nicht sagen – möglich ist wohl beides, aber es waren auffällig viele.
Diese beiden Erlebnisse hatten für mich intuitiv etwas miteinander zu tun, so dass ich sie in einer einzigen Szene zusammenfügte. Mein Projektpartner und zwei befreundete Film- und Schauspielstudenten aus Buenos Aires interessierten sich für das Thema, und so liehen wir uns mit Unterstützung des ASA-Programms das nötige Equipment, um ohne weiteres Budget einen Film zu drehen. Das dank der beeindruckenden Arbeit besonders der Schauspielerinnen Carolina Defossé und Marina Cultelli und dem Filmer Ivo Aichenbaum großartige Ergebnis haben wir am 31. Januar bei den Argentinischen Filmtagen in Leipzig gezeigt. „Escena de Playa“ lief dabei in der Moritzbastei als Vorfilm des Dokumentarfilms „4 de Julio, la masacre de San Patricio“, der vom Mord an fünf Geistlichen während der argentinischen Militärdiktatur erzählt. Das Publikum war sehr aufmerksam, und danach wurden kluge Fragen zu der Szene und zur Geschichte Uruguays gestellt. Für einige ältere Zuschauer eröffnete sich auch eine Parallele zu den Debatten im Deutschland der 60er Jahre. Für wieder andere stellte er einen immer aktuellen Konflikt zwischen sozial engagierten Aktivisten und Machtmonopolen dar. Generell glaube ich, dass die verschiedenen Ebenen und Deutungsmöglichkeiten, die der Film aufmacht, zu viel Diskussion und Auseinandersetzung einladen und dass der Film damit auch als Aktion Globalen Lernens taugt. Wir wollen den Film gerne sowohl bei politischen Veranstaltungen als auch im Kunst-Rahmen in Lateinamerika und Deutschland zeigen.
von Meret Kiderlen
Film: Escena de Playa / Strandszene (Argentinien, Uruguay, Deutschland), 2010
Regie: Ivo Aichenbaum, Meret Kiderlen
Argentinische Filmtage
Blog von Meret Kiderlen (Berechtigung bitte bei meretkiderlen@gmx.de anfordern)
Deutsche Welle über den Wahlsieg von José Mujica in Uruguay
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Artikel des Online-Taucher-Magazins "Dive Inside" über das Fischen mit Schleppnetzen