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Die Jahre nach 1968 waren auch bei ASA eine stürmische Zeit, in der viele Studierende sehr politisch engagiert waren und selbstbestimmtes Lernen groß geschrieben wurde. Bea Lundt war 1971 mit ASA in Ghana. Derzeit plant die Geschichtsprofessorin eine Uni-Partnerschaft zwischen ihrer Uni in Flensburg und Universitäten in Ghana. Ein Interview.
Bea Lundt ist heute Professorin für Geschichte des Mittelalters und Geschichtsdidaktik in Flensburg. (Foto: Bea Lundt)
Es war 1971: Ich war im 4. Semester Sozialwissenschaften und Germanistik. Ich sah ein Plakat in der Uni Köln hängen und war sofort Feuer und Flamme. Ich wollte schon immer nach Afrika. Meine Familie hat jahrhundertelang vom Fernhandel gelebt, Verwandte leben in aller Welt, meine Großmutter ist in Oregon aufgewachsen- im „Wilden Westen“; sie hat nie richtig Deutsch gelernt. Irgendwie war mir schon immer klar, dass man diese Welt nur verstehen und gestalten könne, wenn man sie selber gesehen und sich ausführlich mit der Vielfalt der Kulturen und Religionen beschäftigt hat. Zudem fühlte ich mich sozial verpflichtet, mich einzumischen, schließlich war es die Zeit des Vietnam-Krieges. Die Schule hat mich gelangweilt; auch in der Uni bekam ich nun nicht die Angebote, die ich mir ersehnt hatte. Gleich im 1. Semester ging ich daher in 3.-Welt-Gruppen. Ich bin eine typische Achtundsechzigerin, wir arbeiteten sehr engagiert und selbstbestimmt an den Fragen, die wir für wichtig hielten.
Ich muss gestehen, dass ich das nicht mehr weiß. Ich glaube, ich brachte ein eigenes mit oder modelte ein anderes um. Mich interessierten Bildungsfragen: Alphabetisierung und Schulunterricht.
Die Unterschiede innerhalb afrikanischer Länder! Von Ghana aus fuhr ich mit einer Kommilitonin nach Nigeria. Nach dem Biafra-Krieg war es 1972 das erste Mal, dass ASAten dorthin reisten. Wir sollten mögliche Projekte ausfindig machen. Das Erlebnis der Großstadt Lagos mit ihren Slums, Verkehrschaos, Korruption hat mich zutiefst erschüttert. Wir fuhren gleich weiter in den Norden, brachen diese Reise aber vorzeitig ab und fuhren zurück nach Ghana.
In meiner ASA-Reisegruppe 1972 war auch ein Kommilitone aus Ghana, der in Hamburg studierte. Und ihn habe ich jetzt, nach 37 Jahren, im letzten Jahr bei einer Reise nach Ghana wiedergetroffen!!! Nach seiner Promotion ist er nach Ghana zurückgekehrt, hat die Leiterin des Goethe-Institutes geheiratet und war Professor für Erwachsenenbildung. Jetzt ist er emeritiert. Wir haben einander in die Arme geschlossen und uns gegenseitig unser Leben erzählt. Durch ihn wurde mir klar, dass ich diesem Land zutiefst persönlich verbunden bin. Es war spannend zu hören, wie er mich als Studentin (und auch die anderen Mitglieder der Gruppe) damals wahrgenommen hatte. Er und seine Frau sind seither meine wichtigsten Kontaktpersonen für meine weiteren Ghana-Aktivitäten. Vor dieser Ghanareise, die ich 2009 als Fact-Finding-Mission DAAD-finanziert unternommen habe, habe ich meine alte ASA-Gruppe gegoogelt und alle kontaktiert. Nur eine Mitreisende habe ich nicht gefunden. Alle haben geantwortet, vier von sechs Personen sind übrigens Professoren geworden. Überhaupt rekrutiert sich mein Freundes- und Bekanntenkreis weitgehend aus Alt-ASAten. Am ASA-Programm teilgenommen zu haben, war die stärkste Verbindung, die man sich denken konnte.
Mein Auswertungsbericht erschien in einer Fachzeitschrift, es war meine erste Publikation. Was war ich stolz!!! Auch meine Examensarbeit schrieb ich über Ghana und Nigeria und schickte ASA zwei Exemplare für das Archiv. Das war sehr teuer für mich als Studentin, aber irgendwie fühlte ich mich ASA auch weiterhin so eng verbunden, dass es mir das wert war. Der Kurator, mit dem ich immer Ärger hatte, war inzwischen verstorben: Ich nahm daher auch später einmal an einem ASA-Seminar teil und habe eigentlich immer locker Kontakt gehalten. Leider habe ich bisher an meiner Uni Flensburg noch niemanden als ASAten werben können.
Die Welt ist rund und auf der anderen Seite der Erdkugel leben auch Menschen.
Ich war Vorbereitungsreferentin für die nächste Gruppe. Es sollte ja wieder eine Nigeria-Gruppe aufgebaut werden. Und ich wollte für fünf Monate mit dieser Gruppe nach Nigeria reisen und dort eine Examensarbeit vorbereiten über Jugendarbeitslosigkeit in den Großstädten. Daraus wurde aber nichts. Denn: Wir waren eine hochpolitisierte Generation. Es gab daher ständig Auseinandersetzungen mit dem Kurator der „Stiftung Studienkreis“, die das ASA-Programm organisierte. Wir Studierenden wollten Einblick in die Finanzierung nehmen. Was haben die Spender für ein Interesse an unseren Auswertungsberichten? Geht es nicht um deren Profitgier und ökonomische Interessen in diesen Ländern? Wird unser Engagement vielleicht missbraucht? Es sollte dann ein ASA Südafrika eingerichtet werden. Dagegen haben wir revoltiert, da wir fanden, es werde das Apartheits-Regime dadurch stabilisiert. Wir VorbereitungsreferentenInnen trafen uns in verschiedenen Städten, verfassten Resolutionen, forderten Offenlegung der Finanzen. Der Kurator rief mich daraufhin an und drohte, wenn diese studentischen Unruhen nicht aufhörten, werde er meine berufliche Zukunft in der Entwicklungspolitik ruinieren. Ich habe ihn leider ernst genommen. Am nächsten Tag meldete ich mich in einem benachbarten Gymnasium für ein Praktikum an, stieg um auf Lehramt, sagte den 2. ASA ab. So wurde ich erst einmal Lehrerin, später ging ich zurück an die Uni und wurde Professorin für Mittelalterliche Geschichte. Diese Zeit interessierte mich wegen ihrer Alterität gegenüber der Moderne. In meinem Fach geht es zur Zeit um „Global History“, die endgültige Überwindung einer nationalstaatlichen Geschichtsbetrachtung. Alle diese Fragen der Post Colonial Studies nach Diversity, nach dem Othering und auch nach Whiteness haben wir bereits Achtundsechzig beim ASA diskutiert, wir waren wirklich sehr fortschrittlich! Das ASA-Programm stellte eine Alternative dar gegen die Langeweile der Universitäten in der miefigen Nachkriegszeit und angesichts der Feindbilder des Kalten Krieges, und es war daher das Forum für die kritische Intelligenz, die dort einen gewissen Raum vorfand, selbstbestimmt Texte über die Grundlagen einer globalen Welt zu lesen und zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen.
Ein weiterer zentraler Punkt, den wir damals diskutierten: wir fanden, dass bei ASA etwas zu naiv mit den Möglichkeiten eigener „empirischer Forschungen“ in den Gastländern umgegangen wurde. Als Soziologin setzte ich mich besonders ein für ein differenziertes Methodenbewusstsein in Bezug auf den interkulturellen Vergleich. Entscheidend ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Menschen aus den Gastländern. Das ist bei der Vorbereitung der Projekte in Deutschland oft zu kurz gekommen.
Ich habe nach meinem ASA verschiedene Reisen nach Afrika unternommen: Tansania, Ruanda. Dort besuchte ich eine Studienfreundin und Alt-ASAatin (Indonesien 1972), die als Gynäkologin für die GTZ arbeitete, als das Massaker losging. Ich habe einen Schock erlitten. Vor etwa zwei Jahren brach es aber wieder in mir auf: Ich beantragte eine Fact-Finding-Mission beim DAAD und handelte MOUs mit verschiedenen ghanaischen Universitäten aus. Inzwischen gibt es auch Kooperationen mit den Universitäten Hamburg und Köln. Wir wollen, dass unsere Lehramtsstudierenden jedes Jahr in ghanaischen Schulen ein Praktikum absolvieren: Ich möchte auch auf die Lehrerbildung einwirken. Es ist wichtig, dass Curricula für Schule und Hochschule um außereuropäische Länder und Phänomene erweitert werden. So habe ich auch eine Partnerschule für eine Schule in Accra gefunden. Mal sehen, was daraus wird. Daneben geht es mir um eigene Forschungen, die ich in den nächsten Jahren fortsetzen will: mich interessiert vor allem, wie die vorkoloniale Phase in Westafrika im Geschichtsdiskurs hier und dort verankert ist. Aber auch Fragen des Einflusses der englischen Kolonialpolitik auf das Bildungswesen möchte ich verfolgen. Dabei greife ich Überlegungen aus meiner Staatsexamensarbeit aus dem Jahre 1975 auf! Auch Promotionen habe ich bereits angestoßen.
Das ASA-Programm war eine zentrale Erfahrung meines Lebens, die mich nie wieder losgelassen hat. Meine Erfahrungen mit dem ASA-Programm kommen mir sehr zugute bei meinem Aufbau von Partnerschaften in Ghana.
Ich lese mit Interesse, was die ASAten zur Zeit in Berlin austauschen und bin zu jeder Kooperation bereit.
Wir stehen vor wichtigen Fragen der Orientierung in einer globalen Welt. Das ASA-Programm erfüllt eine Schlüsselfunktion bei der Vermittlung von Einsichten und Erfahrungen zur Bewältigung dieser Herausforderung. Ich wünsche ihm vor allem, dass es im Dialog mit den Partnerländern arbeiten und sich weiter entfalten kann!