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So begann ein Projekt von Miriam Müller und Daniel Seiffert im Rahmen eines ASA-Stipendiums, dass sie gemeinsam mit 10 brasilianischen Frauen von Oktober bis Anfang Dezember 2006 in Rio de Janeiro durchführten. Die Frauen arbeiten als Prostituierte in den Gassen und Stundenhotels im Zentrum und am Rande Rios weitab vom glitzernden Schein der Copacabana. Die Frauen engagieren sich gemeinsam in der Nichtregierungsorganisation DAVIDA.
Cida: Ich bin hier in Rio geboren, in Nova Iguaçu. In meinem Haus wohnen acht Personen. Ich ernähre das ganze Haus. Ich bin die Mutter und der Vater, die Oma und der Opa.
DAVIDA ist eine Organisation der Zivilgesellschaft, gegründet 1992, um die Rechte von Prostituierten zu stärken. Die Idee des Projektes war, mit Hilfe der Fotografie, den Alltag der Prostituierten auch außerhalb ihres Milieus sichtbar zu machen. Wir erhofften uns ihnen damit zu einer größeren Anerkennung in einer nicht selten bigotten brasilianischen Gesellschaft zu verhelfen, in der zwar auch außerhalb der Privatsphäre Sexualität allgegenwärtig scheint, Prostitution hingegen moralisch diskreditiert ist und mithin deren Umstände kaum hinterfragt werden. Die Frauen sind alltäglich mit den Konsequenzen der Doppelmoral, die die brasilianische Gesellschaft prägen, konfrontiert.
Val: Die Stadt in der ich gewohnt habe, heißt Passagem Franca, das liegt auf dem Land. Meine Tochter Larissa Estefany ist noch dort. Sie lebt mit meiner Mutter in Maranhão. Sie ist mein Leben, sie ist alles für mich.
Das eigene Milieu knipsen
Die teilnehmenden Frauen erhielten einfach zu bedienende Kameras, damit sie ihren eigenen, das heißt, einen für viele Menschen unsichtbaren Alltag einer Prostituierten in Rio de Janeiro, abbilden konnten. So entstand in relativ kurzer Zeit und mit bescheidenen Mitteln ein buntes Mosaik aus dem Leben der „Mulheres da Vida“ (“Frauen des Lebens”), wie sie in Brasilien genannt werden.
Die Fotografien ermöglichen einen facettenreichen Einblick in das Leben der Frauen. Die Bilder erzählen vom Alltag "normaler" brasilianischer Frauen mit ihren großen und kleinen Problemen aber auch von ihren Freuden, Träumen und Leidenschaften. Die bildhafte Auseinandersetzung und die Präsentation in einer Ausstellung sollten dazu beitragen, die allgegenwärtigen Formen von Stigmatisierung und Diskriminierung zu hinterfragen. Denn die Fotografien geben einen Einblick in ihr Leben, das sich nicht einzig und allein auf ihren Beruf reduziert.
Gemeinsam ergibt sich ein buntes Kaleidoskop aus vielerlei Einsichten in einen Alltag zwischen Familie, Freizeit und Beruf. Durch ein gezieltes Zusammenkommen der Teilnehmerinnen wünschten wir uns ferner, den Austausch und die Kommunikation unter den Frauen zu fördern. Denn auch für die Frauen selber ergaben sich beim Anblick der Fotografien ganz neue Einblick in das Leben ihrer Kolleginnen. Neben der Anerkennung nach außen, erhoffen wir zudem ihre eigene ganz persönliche Wertschätzung zu stärken.
10 Frauen stellen sich vor
Doroth: Ich komme aus Minas Gerais. Ich bin nach Rio gekommen, als ich mit meiner ältesten Tochter schwanger war, vor 33 Jahren. Das war eine Stadt auf dem Land. Zu der Zeit war die Stadt voller Vorurteile... und ich schwanger.
Wir möchten ein beinah uneingeschränkt positives Resümee ziehen. In Anbetracht des engen Zeitrahmens haben wir gemeinsam mit den Frauen von DAVIDA allerhand erreicht, haben vielerlei Interessantes gelernt und sehen im Kontext der weitläufigen Thematik „Prostitution“ so einiges nunmehr mit neuen Augen. Dabei halfen die Interviews, die sicherlich durch die gemeinsame Beschäftigung mit den persönlichen Fotos, welche die Frauen knipsten, eine besondere Intimität erreichten.
Gemeinsam mit dem Bildmaterial erzählen sie von 10 individuellen Frauen, die in einem ganz speziellen Spagat zwischen Familie, Job(s) und Freizeit ihren Alltag in der brasilianischen Metropole auf bewundernswerte Art und Weise meistern. Die vermeintlich banalen und gerade deshalb so alltäglichen Fotografien geben gemeinsam mit kurzen Passagen aus den Interviews einen kleinen Einblick in ihren alltäglich zu bewältigenden Spagat zwischen Kindern, Kirche und Kondom.
Weitere Informationen und die Fotos zum Projekt können Sie auf der Blogseite sehen: http://imagens-davida.blogspot.com/
Miriam Müller und Daniel Seiffert, ASA-Teilnehmer 2006, Brasilien (Februar 2008)