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Ein Süd-Nord-Projekt beginnt nicht mit Packen, Abschiedsparty und einem langen aufgeregten Flug ins Unbekannte. Es holt eine/n zu Hause ab, klopft plötzlich mitten im Alltag an die Tür, zwischen Uni, Job und Capoeira-Training, und hält eine/n beschäftigt, bis man es drei Monate später in den Koffer packt und mit ihm ausreis/ßt. Katja Selmikeit berichtet.
Süd-Nord-Projekte unterscheiden sich von anderen ASA-Projekten dadurch, dass es vor der dreimonatigen Südphase eine Nordphase gibt, während der man mit TeilnehmerInnen aus dem Süden zusammen arbeitet, bevor man das Projekt dann gemeinsam im Zielland fortführt. Mein eigenes Süd-Nord-Projekt war ein Radio-Projekt in Berlin und Managua, Nicaragua, das 2004 stattfand.
Nach einigen Kennenlern-E-Mails und nervenaufreibenden Flug- und Visa-Verwirrungen bekamen unsere beiden ProjektpartnerInnen für uns endlich ein Gesicht und eine Stimme. Es war ein fies-verregneter April. An den ersten Tagen erinnere ich uns vier, wie wir über hier, dort und sonstwo philosophieren, durch unwahrscheinliche Winkel der Stadt streunen, bibbernd über das Wetter fluchen, in der WG-Küche Gemüselasagne schnippeln und mit erhitzten Köpfen Ideen sammeln und Projektpläne schmieden. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir uns zu einer kleinen nika-philen Community vermehrt, die Tage und auch so manche Nacht zusammen verbrachte und einander ganze Romane erzählte. Derweil begann das bruchstückhafte Nikaragua-Bild, das ich mir damals in meinem Kopf zusammenbastelte, immer mehr Gestalt anzunehmen. Es veränderte sich aber auch ein anderes Bild, nämlich das von meinem so vertrauten Kontext in Berlin, Deutschland, Europa, das immer wieder ganz ungewohnt aussah, einfach weil jemand Fragen daran stellte und Kommentare dazu machte, die mir nie in den Sinn gekommen waren. Dieser intensive Austausch in der Nordphase war sehr bereichernd und wertvoll für uns alle, für das Team und das Projekt. Bald hatten wir unser Thema – Globalisierung – in allen erdenklichen Facetten durchdiskutiert und schließlich ein ambitioniertes Konzept für unsere Radiobeiträge ausgeheckt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Süd-Nord-Projekten hatten wir so gut wie keine Unterstützung von unseren Partnerorganisationen und haben alles allein organisiert.
Straffes Programm
Viel geschlafen habe ich damals nicht, glaube ich. Ich habe versucht, wenigstens ein paar Kurse an der Uni zu besuchen, habe ein bisschen gearbeitet und war den Rest der Zeit in Sachen Projekt unterwegs. Uni und Job habe ich dabei ziemlich stiefmütterlich behandelt, da ich mir viel Zeit für das Projekt nehmen wollte: In der Nordphase entscheidet sich der Weg, den das gemeinsame Projekt über ein halbes Jahr hinweg gehen wird, das Team findet zueinander und beginnt seine Arbeit. Im Idealfall arbeiten alle ein halbes Jahr lang eng zusammen. Ganz normal weiter zu studieren und zu arbeiten wäre, zumindest in unserem Projekt, nicht möglich gewesen.Unsere Zeit rannte, wir planten und recherchierten, machten erste Interviews, reisten zu Kongressen, und viel zu früh mussten unsere beiden SüdteilnehmerInnen schon wieder zurück nach Nikaragua. Wir hatten einen ersten Beitrag gesendet und viele ungeschnittene Interviews im Kasten und packten unsere Koffer. Es war wunderbar, in Managua anzukommen und schon zwei Gesichter zu kennen, die unter einem Willkommens-Transparent am Busbahnhof schwitzend auf uns warteten. Einfach da weiter reden zu können, wo wir ein paar Wochen zuvor am anderen Ende der Welt aufgehört hatten. Gleich viele neue Kontakte zu haben. Uns das zeigen lassen zu können, wovon wir in Berlin schon so viel gehört hatten. Den ersten von zig Tellern Reis mit Bohnen gemeinsam zu uns zu nehmen. Und diesmal selbst diejenige zu sein, die mit großen Augen und einem dicken Fragezeichen auf der Stirn durch die Stadt läuft.
Ein Projekt - Ein Team
Die besondere Form als Süd-Nord-Projekt, durch die unsere nikaraguanischen ProjektpartnerInnen ebenso wie wir das Land des jeweils anderen kennen lernen konnten, war für die Zusammenarbeit und die Dynamik im Team sehr wertvoll: Wir alle hatten einen Blick in den jeweils fremden Kontext geworfen und arbeiteten so auf gleicher Augenhöhe und gleichberechtigt zusammen. Dadurch entstand auch eine sehr schöne Offenheit, mit der wir diskutieren konnten: Vielleicht hätten wir bei einem einseitigen Besuch in Nikaragua mehr Hemmungen gehabt, an bestimmten Gegebenheiten im Land Kritik zu üben oder auf Entwicklungen hinzuweisen, die wir als problematisch empfanden. Durch den gleichberechtigten Austausch etablierte sich zwischen uns eine Gesprächs- und Diskussionskultur, die uns mit einer großen Offenheit über die unterschiedlichsten Themen kommunizieren ließ. Das machte den Austausch sehr authentisch und aufrichtig, was für unsere Zusammenarbeit enorm wichtig war. Durch die Gegenseitigkeit des Projekts war niemand von uns nur ein kurzer „Besuch“ im anderen Land, der ein dreimonatiges Praktikum absolviert, viele spannende Dinge lernt und dann wieder fährt. Vielmehr waren wir alle ein Team, das ein halbes Jahr lang eine „Ehe“ zu viert führte und ein gemeinsames „Kind“ großzog. Unser Projekt war ein eigenwilliges Kind, und wir wollten als ambitionierte Eltern alles richtig machen. Wie im wirklichen Leben kam dann natürlich alles anders als geplant. Und schließlich wurde das Kind – in Form von halbfertigen Manuskripten und stundenlangen Interviews – Opfer eines tragischen Entführungsfalls: Mein Computer wurde geklaut. So kann es gehen. Backups sind etwas Feines.
Aber hinterher ist man immer schlauer. Und wie! Ich habe bei der langen und intensiven Zusammenarbeit im nikaraguanisch-deutschen Team eine Menge gelernt. Ich habe eine neue Perspektive auf meinen eigenen Kontext kennen gelernt und einen ganz besonderen Einblick in nikaraguanische Wirklichkeiten bekommen. Süd-Nord-Projekte bedeuten einen erheblich höheren Arbeits- und Zeitaufwand, der sich danach aber auch doppelt auszahlt. Sie machen einen wirklichen und gleichberechtigten Austausch möglich und verkörpern im besten Sinne die Idee von Globalem Lernen.
Katja Selmikeit, ASA-Teilnehmerin 2004, Nicaragua (Oktober 2009)