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Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und während auf der Nordhalbkugel die Tage kürzer werden, beginnt im Süden der Sommer. Die Nord-Teilnehmerinnen des Süd-Nord-Projekts „Lernen aus Migration“ genießen noch die warmen Tage, bevor sie ihre Arbeit im südbrasilianischen Pomerode abschließen, sich von ihren brasilianischen TandempartnerInnen verabschieden und nach Deutschland zurückkehren. Was sie erlebt, erfahren und gelernt haben? Davon erzählen sie am besten selbst!
Nach der ersten Projektphase in Greifswald ging es in der Südphase mit unserem deutsch-brasilianischen Team nach Pomerode. In dieser kleinen Stadt im Süden Brasiliens ließen sich vor rund 150 Jahren Auswanderer aus der historischen Region Pommern nieder. Auch heute ist das Erbe der ehemaligen „Kolonisten“ im Alltag noch sehr präsent.
Warum wanderten die Menschen einst aus Deutschland aus? Wie entwickelte sich ihr Leben in der neuen Heimat? Und wie bewegen sich die Menschen hier und heute zwischen den Kulturen? Gemeinsam mit Schülern einer 7. Klasse begeben wir uns seit September in Pomerode auf Spurensuche.
Eine Schülerin steht vor der Klasse. Sie hat alte schwarz-weiß-Fotos ihrer Großeltern mitgebracht, auch die Kopie einer Ausreiseerlaubnis aus dem 19. Jahrhundert. Sie erzählt von der Geschichte ihrer eigenen Vorfahren, auf einem Zettel hat sie sich in Stichpunkten den Stammbaum ihrer Familie notiert. Durch die individuellen Lebensgeschichten werden Zusammenhänge der Migration von Pommern nach Brasilien lebensnah nachvollziehbar.
Auf der Spurensuche in den Heimatmuseen der Region wird der Arbeitsalltag der Einwanderer zum Greifen nah. Ein Schüler erkennt das Butterfass aus dem Haus seiner Großeltern wieder. Hier wird klar, wie sehr sich die Lebensbedingungen im Laufe der Zeit gewandelt haben. Auch Zeitzeugen erzählen uns vom Auf und Ab der Geschichte der „Kolonisten“
“Früher hat man hier jeden Sonntag gefüllte Gans gegessen, heute gibt’s öfters Pizza oder Reis mit Bohnen.” Anhand verschiedener Teilthemen wie Essen, Sprache oder Festkultur haben die Schüler “Visitenkarten”, eine Art digitale Informationstafeln, von Pomerode früher und heute erstellt.
Warum wandeln sich Kulturen? Welche Chancen ergeben sich daraus, welches Konfliktpotential birgt die Veränderung? Fragen wie diese diskutierten wir mit den Schülern vor dem Hintergrund ihrer Regionalgeschichte.
Als weiteres Thema beschäftigen wir uns im Unterricht mit Identität. Was bedeutet “Pommern” für mich heute? Haben meine deutschen Wurzeln für mich noch eine Bedeutung? Welche Orte oder welche Menschen sind für mich identitätsstiftend?
Ein Fotowettbewerb zum Thema „mein Pommern“ soll die Schüler anregen, sich anhand ihrer eigenen Stadt mit dem Spannungsfeld zwischen Bewahrung der Wurzeln und Kultur im Wandel auseinanderzusetzen.
„Was? Ihr hört auch Hip-Hop?“. Erstaunte Gesichter blicken uns an, als wir ein Lied von „Fettes Brot“ vorspielen. In Pomerode wurde von Generation zu Generation die traditionell deutsche Musikkultur bewahrt und weitergegeben. Die hier gelebte Kultur prägt die Vorstellungen von Deutschland.
Im interkulturellen „Chat der Welten“, wo sich die brasilianischen Schüler mit den Greifswaldern regelmäßig virtuell austauschen, wird das Bild vom Anderen auf beiden Seiten zurechtgerückt. Auch die Visitenkarten der Schüler aus Greifswald, die in der Nordphase erstellt wurden, helfen uns, den Schülern in Brasilien ein realistisches Bild von Deutschland zu vermitteln. Dabei wollen wir aufzeigen, dass sich nicht nur die brasilianische, sondern auch die deutsche Kultur im Laufe der Zeit und im Zuge von Migrationen gewandelt hat. Am Ende des Projekts soll ein „deutscher Abend“ stattfinden, an dem wir zusammen mit den Schülern in einem Kulturmosaik die vielen Gesichter von Deutschland präsentieren wollen.
Wir blicken nun auf fast 6 Monaten gemeinsame Projektarbeit in Deutschland und Brasilien zurück. Wir haben uns und den Schülern viele Fragen gestellt und nach Antworten gesucht. Dabei haben wir auch festgestellt, dass es auf manche Fragen mehr als eine Antwort gibt. Fragen der Identität, Kultur und Heimat verlangen keine festgeschriebenen, sondern individuelle und auch im Laufe der Zeit wandelbare Antworten. Diese Erkenntnis nehmen wir alle mit auf unseren weiteren Wegen.
Auch persönlich hat uns die Südphase bereichert. Nicht nur bei der interkulturellen Teamarbeit, sondern auch bei Kaffeekränzchen und Caipirinha haben wir prägende Erfahrungen in einer fremden und zugleich vertrauten Kultur gesammelt.
Leonie Herbers und Dorothea Dentler