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04.08.2007 – das erste August Wochenende – seit fünf Tagen sind mein GLEN Partner Petr Vozebule und ich bei der kenianischen Organisation MYSA in Nairobi. Heute ist der Termin für unseren ersten Workshop.Dreißig Augen schauen uns erwartungsvoll an. Und da stehen wir nun, Petr und ich, vor fünfzehn Kindern und Jugendlichen aus den Slumgebieten Nairobis.
Der älteste Teilnehmer ist achtzehn, die Jüngste gerade mal zehn Jahre alt. Sie alle sind gekommen, um an unseren Photojournalism Workshop teilzunehmen. Es ist still an diesem Samstagmorgen in dem kleinen Raum auf dem Gelände von MYSA am Rande des Mathare Slums. Auf beiden Seiten herrscht Nervosität. Petr und ich hasten immer wieder in die kleine Kammer am Ende des Raumes, um dann mit irgendetwas wieder herauszukommen, das wir nicht brauchen. Oder braucht man wirklich einen Beamer, einen Laptop, zwei Flipcharts, duzende von Textmarkern und Klebebändern um sich vorzustellen und gegenseitig kennen zu lernen?
Die Teilnehmer des Kurses fotografierten ihren Mathare Slum
Nach fünf Minuten haben wir die Kammer leer geräumt. Petr und ich setzen uns vor die Kinder und für Außenstehenden muss es fast so aussehen, als wollten wir uns hinter den Flipcharts verstecken. Keiner weiß genau was jetzt passieren wird – die Kinder nicht und wir sowieso nicht. Unsere Planungen, Vorbereitungen, Gespräche und Power Point Präsentationen sind für die Katz. All das Gerede über cross cultural communication istfür´n Arsch.
Nach zwei endlosen Minuten reiß ich mich zusammen und höre auf mit dem Versteckspiel. Ich stehe auf. „Hello my name is Michael. I am from Germany and I am happy to welcome you here to our journalism workshop.” Betretenes Schweigen. Petr rückt auf seinem Stuhl hin und her und kriegt kein Wort raus. Zwei Teilnehmer tuscheln kurz. Ich denke mir, dass die sich jetzt bestimmt denken ´schon wieder so ein beknackter Mzungu (kenianisch für Weißer), der uns die Welt erklären will´.
07.11.2007 – Der letzte Tag der Shootback Photojournalism Ausstellung Visions from the Slum im Goethe Institut Nairobi.
Die zehnjährige Jane ist außer sich, vor Freude. „Michael, Michael!“ schreit sie durch den ganzen Veranstaltungssaal. Sie kommt auf mich zu gerannt. „Michael! Come on, play with us. We play hide and seek! Come on!” Und noch bevor ich mir eine gute Ausrede ausdenken kann, befinde ich mich inmitten tobender Kinder und renne auf und ab durch das Goethe Institut. Knapp drei Monate nach unserem ersten Workshop sind wir ein Team: Wir, die Mzungus und sie, die Mädchen und Jungs aus Mathare. Wir haben uns zusammengerauft. Petr, ich und ´unsere fünfzehn kids´. Es war anstrengend, ab und zu richtig nervig, immer ermüdend. Aber immer auch spannend und lehrreich. Und sehr oft verdammt lustig.
Die lokalen Fotografen gewähren Einblicke in die Lebensrealitäten
Zum Schluss sitzen wir dann wieder in einem Halbkreis zusammen. Wir lassen die letzen drei Monate Resümee passieren. Wir sind uns einig: Wir alle haben in diesen drei Monaten viel gelernt. Angefangen von dem rein technischen Wissen über Photographie, journalistisches Schreiben und Pädagogik bis zu den so genannten soft skills, den zwischenmenschlichen Kompetenzen, den Erfahrungen und Erlebnissen. Es waren drei Monate die ich nie vergessen werde.
Ich werde nie vergessen wie die zwei Schwestern Irene und Lucy uns selbst gemachte Halsbänder schenkten und sich bei mir für die tolle Zeit bedankten, das Staunen der Kids am Eröffnungstag der Ausstellung oder wie ´unser´ Kleinster, Joseph an diesem unseren letzen Abend in seiner piepsigen Stimme leise „thank you“ sagte. Das konnte ich nur erwidern. Danke für diese phantastische Zeit! Ob wir denn wieder kämen, will der fünfzehnjährige Frederick auf der Heimfahrt im Bus von mir wissen. Und da ist wieder dieses betretene Schweigen. Diesmal aber nicht aus Nervosität und Angst, sondern aus Trauer. „I am sorry but I don’t think so. Our project is over. We have to go home now.” ´Aber nächstes Jahr kämen wieder zwei Mzungus aus Europa und dann gibt es bestimmt wieder einen Workshop´ schiebe ich hinterher. Wirklich trösten tut mich das an diesem Abend nicht.
Michael Katerla, GLEN-Teilnehmer 2007, Kenia (Februar 2008)
